Gemeinwohl-Ökonomie im Würmtal

von Redaktion Wuermtal.Net

– eine ethische Wirtschaft wird Realität

Die Peer-Gruppe Starnberg/Würmtal/München

Foto: Die Peer-Gruppe Starnberg/Würmtal/München
v.l. knieend: Sandra Rossner (Zukunftswerk), Robert Klosko (bioculture), Smaranda Keller (GWÖ-Coach)
v.l. stehend: Christoph Merk (Ulenspiegel Druck), Henrietta Lorko (bioculture), Karl Heinz Jobst und Christiane Lüst (Öko & Fair), Michael Vongerichten (GWÖ-Coach), Alexander Rossner (Zukunftswerk)
Leider nicht auf dem Foto weil verhindert sind Wigbert, Max und Liesa Cramer (Backhaus Cramer) sowie Barbara Classen und Stephan Maier (beide Ulenspiegel Druck)

5 Unternehmen zwischen Starnberg und München erstellen Gemeinwohlbilanz

Von Karl Heinz Jobst

 „ZEIT ONLINE“ berichtete schon im Jahr 2012 über eine von der Bertelsmann-Stiftung beauftragte EMNID-Umfrage, dass sich rund 80% der Menschen in unserem Land eine neue Wirtschaftsordnung wünschen. Und zwei von drei Befragten misstrauen demnach bei der Lösung der Probleme den Selbstheilungskräften der Märkte. Der Kapitalismus sorge weder für einen sozialen Ausgleich in der Gesellschaft noch für den Schutz der Umwelt oder einen sorgfältigen Umgang mit den Ressourcen.

Weiter berichtet das Magazin: „In einer Rangfolge der persönlich wichtigen Dinge stehen für die Befragten zunehmend postmaterielle Ziele oben: Gesundheit liegt auf dem Spitzenplatz, gefolgt von Zufriedenheit mit der persönlichen Lebenssituation und dem Schutz der Umwelt. Erst als Letztes wünschen sich die Deutschen Geld und Besitz zu sichern und zu mehren.

Der Kapitalismus existiert zwar noch in seiner ganzen Perversion, ist aber dabei, sich selbst durch Größenwahn und Degeneration zu zerstören. Der Höhepunkt scheint längst überschritten.

Eine gänzlich andere Lösung verfolgt die Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ). Sie orientiert sich an den wahren Bedürfnissen der Menschen. Und zwar aller Menschen, die sowohl ihre Rolle als Arbeitgeber oder Produzenten als auch als Arbeitnehmer und Konsumenten spielen. Das Wohl von Mensch und Umwelt soll zum obersten Ziel des Wirtschaftens erhoben werden. So wie es in manchen Verfassungen geschrieben steht, aber politisch bisher kaum umgesetzt wurde.

Christian Felber, der Initiator der GWÖ zitiert zu diesem Wertesystem Joachim Bauer: „Zu kooperieren, anderen zu helfen und Gerechtigkeit walten zu lassen ist eine global anzutreffende, biologisch verankerte menschliche Grundmotivation. Dieses Muster zeigt sich über alle Kulturen hinweg“.

Die Gemeinwohl-Ökonomie will ein ethisches Wertesystem wieder etablieren, das fast verloren gegangen ist. Und zwar von unten nach oben und nach dem Prinzip der Freiwilligkeit und der Belohnung.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist gleichzeitig eine Vision für das große Ganze, wie auch ein funktionierendes Modell, das bereits jetzt ohne politische Unterstützung punktuell erfolgreich praktiziert wird und sich auf Basis von Vernunft und Freiwilligkeit weltweit in beachtlicher Geschwindigkeit ausbreitet. Es existiert gegenwärtig parallel zum globalen Kapitalismus - ganz ohne Revolution – aber als nachahmenswertes Vorbild, dem sich Unternehmen zukünftig nur schwer entziehen können. Birgt es doch Vorteile, die sich in vielen Bereichen existenzsichernd und auswirken.

Für die breitflächige Etablierung eines ethischen Wirtschaftssystems in Europa wurde das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie auch vom Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss (EWSA) weiterempfohlen.

Die Gemeinwohl-Ökonomie ist…

... auf wirtschaftlicher Ebene eine lebbare, konkret umsetzbare Alternative für Unternehmen verschiedener Größen und Rechtsformen. Der Zweck des Wirtschaftens und die Bewertung von Unternehmenserfolg werden anhand gemeinwohl-orientierter Werte definiert.

... auf politischer Ebene ein Motor für rechtliche Veränderung. Ziel des Engagements ist ein gutes Leben für alle Lebewesen und den Planeten, unterstützt durch ein gemeinwohl-orientiertes Wirtschaftssystem. Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung sind dabei die zentralen Werte.

... auf gesellschaftlicher Ebene eine Initiative der Bewusstseinsbildung für Systemwandel, die auf dem gemeinsamen, wertschätzenden Tun möglichst vieler Menschen beruht. Die Bewegung gibt Hoffnung und Mut und sucht die Vernetzung mit anderen Initiativen.

Jedes Unternehmen, jede Kommune, aber auch Vereine, Verbände usw. können sofort und parallel zur bisherigen Betriebswirtschaft die Gemeinwohl-Ökonomie verfolgen und in mehrerlei Hinsicht profitieren. Ein Gemeinwohl-Unternehmen hebt sich in der Außenansicht positiv und vorbildhaft aus der Masse der Unternehmen ab. Es kann wegen hoher Zufriedenheit seiner Mitarbeiter auf die wichtigste aller Ressourcen eines Unternehmens - das Personal – vertrauen. Die zukünftig unumgängliche unternehmerische Entwicklung zu nachhaltiger Produktion, umweltfreundlichen Produkten und rundum klimaschützendem Verhalten werden von einem GWÖ-Unternehmen dokumentiert und gleichzeitig wird Verbesserungspotential aufgezeigt.

Die GWÖ betrachtet in erster Linie sogenannte „weiche Faktoren“ in Unternehmen, die sich jedoch entscheidend auf die Leistungsfähigkeit und Akzeptanz im Markt auswirken.

Unternehmen und Kommunen auf dem Weg zur GWÖ

Der GWÖ-Einstiegbericht ist eine erste unkomplizierte Selbsteinschätzung ohne großen Aufwand. Er dient der Orientierung, macht mit der Systematik vertraut und lässt bereits erkennen, dass man durchaus nicht bei null anfängt, sondern dass jedes Unternehmen bereits mehr oder weniger gemeinwohlorientiert ist, allerdings in der Regel mit viel Luft nach oben.

Danach folgt konsequenterweise die Erstellung einer Gemeinwohl-Bilanz neben der gewohnten betriebswirtschaftlichen Bilanz.

Aus Erfahrung kann behauptet werden, dass die Erstellung eines Gemeinwohl-Berichts in einer Peer-Gruppe die einfachste, aber auch die lehrreichste Methode ist. Der offene Vergleich im Rahmen gegenseitiger Beurteilung zwischen unterschiedlichsten Unternehmen ist sehr zu empfehlen. Eine Vorgehensweise anhand des zur Verfügung gestellten ausführlichen Arbeitsbuchs ist sinnvoll und notwendig. Der Peer-Gruppe wird von der GWÖ ein Coaching-Team zur Seite gestellt, das offene Fragen kompetent beantworten kann und zielführend durch den gesamten Prozess leitet.

Fünf Unternehmen im Raum Starnberg-Würmtal-München haben sich im Jahr 2018 zu einer Peer-Gruppe zusammengefunden und mit Unterstützung von 2 GWÖ-Coaches eine Kompaktbilanzierung für die Jahre 2016/2017 erstellt.

  • Backhaus Cramer, Gauting, Biobäcker und Bio-Eishersteller
  • Bioculture GmbH, München, nachhaltiges Marketing
  • Öko & Fair Umweltzentrum, Gauting, Bio-Catering, Fairtrade-Hofladen, Fair Café, Umwelt-Bildung. Link zur GWÖ-Bilanz
  • Ulenspiegel Druck GmbH & Co. KG, Andechs/Machtlfing, Ökodruckerei, Link zur GWÖ-Bilanz
  • Zukunftswerk eG, Starnberg, Nachhaltigkeitsberatung
GWÖ-Bilanz - Themengliederung in Form einer Matrix
GWÖ-Bilanz - Themengliederung in Form einer Matrix

Ablauf einer Bilanzierung in einer Peer-Gruppe

Herzstück einer GWÖ-Bilanz ist die Themengliederung inForm einer Matrix. Sie wird stetig weiterentwickelt, weil Unternehmen ihre Erfahrungen reflektieren und an Verbesserungen stark interessiert sind. Hier die aktuelle Version 5.0.

Für die 4 Wertegruppen Menschenwürde, Solidarität, Ökologische Nachhaltigkeit sowie Transparenz und Mitentscheidung wurde jeweils ein ganzer Tag der intensiven Zusammenarbeit angesetzt.

Alle Unternehmen bereiteten pro Tag eine Wertegruppe in Bezug zu allen Berührungsgruppen A-E vor, fasste die Eigenbeurteilung in Antworten in Textform zusammen und stellte sie der Runde zur Diskussion. Mehrheitlich, jedoch meist einvernehmlich wurde abgewogen, korrigiert und schließlich für jedes einzelne Thema ein Prozentsatz festgelegt. Im Hintergrund arbeitete dabei ein Gemeinwohl-Kompaktbilanz-Rechner in Form einer Tabellenkalkulation. Der ganze Bilanzierungsprozess dauerte etwa ein Jahr.

Zum Abschluss fand noch einmal eine Besprechung der Endfassungen aller Berichte statt und die endgültige Einordnung in das Matrix-Punkte-System. Die fertigen Bilanz-Berichte wurden eingereicht, geprüft und schließlich mit einem Testat bestätigt.

Konsens bei allen Teilnehmern war, dass die wechselseitige Betrachtung und der unbestechliche Spiegel des Gemeinwohls zu Bewusstseinserweiterung geführt haben, die im Ergebnis zur Verbesserung der Strukturen im Unternehmen führen wird.

Bleibt noch zu ergänzen, dass die Zertifikate anschließend ordentlich gefeiert wurden, um sich für die Mühen zu belohnen.

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